Türchen 12: Weihnachten am Kamin

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Annabell und ihre kleine Schwester Johanna feierten jedes Jahr gemeinsam mit ihren Eltern und ihrem Hund Niko Weihnachten. Die Familie besaß nicht viel und doch war es für die beiden Schwestern jedes Jahr das schönste Fest des Jahres. Sie versammelten sich um den Kamin, in dem das Feuer leise knisterte. Draußen um diese Zeit war es meist bitterkalt, deshalb zog jeder so viel Kleidung an, wie er konnte. Sie setzten eine Kanne Tee auf und lauschten gemeinsam den Weihnachtsgeschichten, die die Mutter leidenschaftlich zum Besten gab.
Sie erzählte Geschichten, die sie aus ihrer Kindheit kannte: Vom Nussknacker und dem Mausekönig, der Schneekönigin und von der Weihnachtsgeschichte. Sie erzählte sie so, wie sie sie in Erinnerung hatte. Denn Geld für Bücher besaß die Familie nicht. Sie investierten alles, was sie hatten, in ihre beiden Töchter, die natürlich zur Schule gehen mussten und es einmal besser haben sollten als sie.

Vor allem die Weihnachtsgeschichte begeisterte die Kinder jedes Jahr aufs Neue. Sie liebten es, dass der verbitterte alte Ebenezer Scrooge am Ende den wahren Geist der Weihnacht verstand und die Güte aufbringen konnte, den kleinen Tim zu retten. Insgeheim hofften sie, dass alle Menschen diesen Sinn eines Tages verstehen würden. “Dann müsste niemand mehr Hunger leiden, Mama!” rief die kleine Johanna.

Damit meinte sie allerdings nicht sich und ihre Familie. Sie dachte an die vielen armen Kinder und Familien, die noch weniger hatten als sie. Denn Johanna war zufrieden mit einem Dach über dem Kopf, einem Kaminfeuer, einer Tasse Tee, Weihnachtsgeschichten und ein paar selbstgebastelten Geschenken von ihrer Familie. Sie hatte es sich niemals anders gewünscht. Und so verbreitete sie selbst jedes Jahr auf neue den Geist der Weihnacht, den sie in der Weihnachtsgeschichte so liebte.

Als die beiden Mädchen herangewachsen waren, ihre Schule beendet hatten und erfolgreich einen Beruf ausübten, besuchten sie jedes Jahr an Weihnachten ihr altes Dorf. Sie erzählten den armen Kindern dort die Weihnachtsgeschichte, so wie ihre Mutter sie ihnen immer erzählt hatte. Sie brachten Decken und Tee mit und leckere Weihnachtsplätzchen, die sie selbst gebacken hatten. Auch gespendetes Spielzeug hatten sie dabei.

Sie selbst haben nie an das Christkind geglaubt. Je älter sie wurden, umso zynischer blickten sie auf die Masse an Geschenken, die den ‘braven’ Kindern gegeben wurde. Sie verspürten eine tiefe Abneigung den Menschen gegenüber, die zum Weihnachtsfest in Stress und Panik verfielen und jeglichen Schund kauften, der ihnen unter die Augen kam, nur weil an ihm ein rotes Rabatt-Schild hing. Sie hassten es, dass jeder in der Stadt die Bedeutung von Weihnachten zu vergessen schien. Doch in diesem Jahr, als sie den Kindern im Dorf ihre Geschenke gaben, sie ihr Lachen hörten und sahen, was sie mit ein paar Spielzeugen, die das ‘Christkind’ gebracht hat, bewirkten, wurde ihnen eines bewusst: Dass es das Christkind wirklich gibt und dass man nicht auf gekaufte Geschenke verzichten muss, um den wahren Geist der Weihnacht zu verstehen. Sie beide symbolisierten das Christkind, genau in diesem Moment, so wie viele Eltern es am Heiligen Abend für ihre Kinder tun. Denn egal wen oder was man als Christkind oder Weihnachtsmann bezeichnet, die Bedeutung für die Kinder ist immer gleich.

Und so überlegten sie sich: Wenn der Glaube der Kinder so fest und real ist, es das Christkind auch sein musste. Es muss ebenso real sein wie der Geist der Weihnacht, an den Annabell und Johanna immer geglaubt hatten. Auch wenn die Menschen ihn manchmal vergessen würden, so erinnern die Kinder sich durch ihren Glauben an das Christkind wieder daran. Nun war ihnen klar: Das Christkind, der Weihnachtsmann, Geist der Weihnacht oder was auch immer die Kinder hoffen lässt, sind eins.
Annabell und Johanna sahen nun ein, dass auch sie eigentlich an das Christkind geglaubt hatten, das ihnen ihre Wünsche erfüllt – es war zwar keine engelsgleiche Figur für sie, die Geschenke brachte, auch kein Weihnachtsmann in rotem Mantel, doch es war die Geschichte ihrer Mutter vom Geist der Weihnacht, die sie hoffen und wünschen ließ.

Malin Poggemann

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