„Ich will nicht!“
Kaum ein Satz fällt im Familienalltag so häufig. Beim Zähneputzen, beim Aufräumen, bei den Hausaufgaben, beim Anziehen für den Kindergarten oder wenn das Handy ausgeschaltet werden soll.
Manchmal denken wir als Eltern: Warum macht das Kind es einfach nicht?
Oft lohnt sich eine andere Frage:
Weiß unser Kind eigentlich, warum es das tun soll?
Hinter dem Motivationsspruch „Wenn du weißt, warum du etwas tust, findest du immer einen Weg“ steckt eine einfache Idee: Ein Ziel bekommt Kraft, wenn wir seinen Sinn verstehen.
Wer nur eine Anweisung bekommt, führt sie vielleicht aus. Wer versteht, warum etwas wichtig ist, kann leichter selbst Verantwortung dafür übernehmen.
Das gilt für Erwachsene genauso wie für Kinder.
Warum das „Warum“ so wichtig ist
Stellen Sie sich vor, jemand sagt zu Ihnen:
„Du musst jeden Tag 30 Minuten spazieren gehen.“
Das klingt nach einer weiteren Aufgabe auf einer ohnehin langen Liste.
Ganz anders fühlt es sich an, wenn Sie wissen:
„Ich möchte mich mehr bewegen, weil ich mich danach besser fühle und abends entspannter bin.“
Das Ziel bekommt eine persönliche Bedeutung.
Auch Kinder lassen sich leichter für etwas gewinnen, wenn sie einen Zusammenhang erkennen können. Dabei muss das „Warum“ gar nicht groß sein.
„Räum dein Zimmer auf, weil ich es gesagt habe.“
funktioniert anders als:
„Wir räumen jetzt gemeinsam auf, damit wir morgen wieder Platz zum Spielen haben.“
Das bedeutet nicht, dass Eltern jede Regel ausführlich begründen müssen. Kinder brauchen Grenzen. Aber zwischen „Du musst!“ und „Du weißt, wofür?“ liegt ein wichtiger Unterschied.
Wie können Sie das in der Familie umsetzen?
Beginnen Sie bei den ganz alltäglichen Dingen.
Beim Zähneputzen können Sie fragen:
„Warum putzen wir eigentlich unsere Zähne?“
Beim Aufräumen:
„Was ist für dich schöner daran, wenn dein Zimmer wieder ordentlich ist?“
Bei den Hausaufgaben:
„Was möchtest du nach den Hausaufgaben noch machen? Was brauchst du, damit du dafür fertig wirst?“
Und beim Sport:
„Warum möchtest du eigentlich Fußball spielen?“
Möglicherweise kommt dann eine Antwort wie: „Weil ich mit meinen Freunden spielen will.“
Plötzlich ist das Training nicht mehr nur eine Pflicht. Es hat einen Grund.
Lassen Sie Kinder ihr eigenes „Warum“ finden
Besonders spannend wird es, wenn Sie nicht sofort die Antwort vorgeben.
Ihr Kind möchte beispielsweise unbedingt Fahrradfahren lernen.
Statt nur zu sagen: „Dann musst du aber auch üben“, können Sie fragen:
„Warum möchtest du es können?“
Womöglich lautet die Antwort:
„Damit ich mit den anderen Kindern mitfahren kann.“
Das ist ein starkes persönliches Warum.
Wenn das Fahrradfahren dann beim ersten Versuch nicht klappt, können Sie daran anknüpfen:
„Du wolltest doch irgendwann mit deinen Freunden mitfahren. Was könnten wir ausprobieren, damit es besser klappt?“
Damit verschiebt sich der Fokus.
Der Fehler ist nicht mehr das Ende.
Er wird zu einem Hinweis auf den nächsten Versuch.
Das funktioniert auch bei Familienzielen
Sie können den Gedanken sogar auf gemeinsame Ziele übertragen.
Eventuell möchten Sie als Familie mehr Zeit draußen oder weniger Zeit an Bildschirmen verbringen oder am Wochenende gemeinsam kochen.
Formulieren Sie zunächst gemeinsam das Warum.
Nicht:
„Ab jetzt gibt es samstags kein Handy mehr.“,
eher:
„Wir möchten am Wochenende mehr miteinander erleben. Was könnten wir dafür verändern?“
Dann können die Kinder eigene Ideen einbringen.
Oft entsteht daraus ein Spaziergang, ein gemeinsames Frühstück, ein Ausflug oder ein Spieleabend.
Das Entscheidende ist: Das Ziel gehört plötzlich allen.
Und wenn der Weg nicht funktioniert?
Dann darf man einen neuen suchen.
Genau darin steckt vielleicht die wichtigste Botschaft des Spruchs.
Ein starkes Warum bedeutet nicht, dass wir automatisch den richtigen Weg kennen. Es gibt Rückschläge, Umwege und Tage, an denen gar nichts funktioniert.
Aber wer weiß, wofür er etwas tut, hat einen Grund, weiterzusuchen.
Das können wir unseren Kindern mitgeben – und gleichzeitig selbst leben:
Du musst nicht immer sofort wissen, wie du etwas schaffst. Aber es hilft, zu wissen, warum du es schaffen möchtest.
Deshalb ist eine der wertvollsten Fragen im Familienalltag gar nicht:
„Warum machst du das nicht?“,
sondern:
„Was ist dir daran wichtig?“
Schließlich beginnt Motivation genau dort, wo ein Mensch den Sinn hinter einer Aufgabe entdeckt.
Ihre Madlen Haß
SCHLAUmex Chefredakteurin



