Lesen und Schreiben sind die Grundlage für erfolgreiches Lernen – doch für viele Kinder wird genau dieser Weg zu einer großen Herausforderung. Legasthenie und Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten (LRS) können den Schulalltag belasten und das Selbstvertrauen der Kinder nachhaltig beeinflussen. Umso wichtiger sind Förderkonzepte, die Kindern Mut machen, ihre Stärken entdecken und sie individuell auf ihrem Lernweg begleiten.
Barbara Martin begleitet seit vielen Jahren Kinder und Jugendliche mit Legasthenie und LRS. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit steht die von Sigrid Walter (LRS Deutschland) entwickelte Methode sowie ein 7-Tage-Intensivkurs, mit dem sie Familien auf ihrem Weg zu mehr Lernerfolg unterstützt. Im SCHLAUmex-Experteninterview spricht sie über ihre Erfahrungen aus der Praxis, erklärt, worauf es bei einer erfolgreichen Förderung ankommt und gibt wertvolle Impulse für Eltern und Lehrkräfte.
Thema heute: Legasthenie und LRS – Kindern den Weg zum erfolgreichen Lesen und Schreiben eröffnen
1. Liebe Barbara, stell dich unseren Leserinnen und Lesern bitte kurz vor. Wer bist du und was motiviert dich, Kinder mit Legasthenie und LRS zu begleiten?
Ich heiße Barbara Martin und bin Mama von zwei mittlerweile erwachsenen Kindern. Als Vermögensberaterin und langjährige Mitarbeiterin in der Aus- und Weiterbildung einer großen Kapitalanlagegesellschaft, habe ich schnell gemerkt: Ich kann komplizierte Dinge einfach und verständlich erklären. Genau das hat mir Freude gemacht. Als ich den Wunsch verspürte, auch mal mit Kindern zu arbeiten, entdeckte ich LRS Deutschland.
Mit der Methode von Sigrid Walter habe ich ein pragmatisches Werkzeug an der Hand, mit dem ich Kindern in kurzer Zeit spürbar helfen kann. Und es geht dabei um viel mehr als richtiges Schreiben, denn ich möchte Kindern zeigen: Du bist richtig, so wie du bist. Du kannst etwas. Und du darfst mit Freude und Selbstvertrauen deinen eigenen Weg gehen.
2. Wie bist du auf die Methode von Sigrid Walter aufmerksam geworden und was hat dich daran besonders überzeugt?
Zufällig war ich auf der Suche nach einem zweiten beruflichen Standbein und stieß auf die Ausbildung zur LRS-Deutschland-Trainerin. Neugierig geworden, wollte ich nicht nur etwas über die Methode lesen, sondern auch die Gründerin und ihre Motivation dahinter persönlich kennenlernen. Schon nach unserem ersten Gespräch war ich tief beeindruckt von Sigrid Walter. Ihre Begeisterung und ihre Vision, Kindern nachhaltig zu helfen, haben mich sofort mitgerissen. Hier wollte ich dabei sein, um für Kinder schnelle und echte Verbesserungen zu bewirken.
3. Was steckt hinter deinem 7-Tage-Intensivkurs und für welche Kinder eignet sich dieses Angebot besonders?
Der Intensivkurs richtet sich vor allem an Kinder ab Mitte der zweiten Grundschulklasse bis zum Schulabschluss, die Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben haben. Das zeigt sich beispielsweise darin, dass sie langsam und stockend lesen oder Wörter selbst nach mehrfacher Erklärung immer wieder unterschiedlich falsch schreiben.
Die sieben Kurstage legen mit vielen Erfolgserlebnissen wichtige Grundsteine. Die Kinder beginnen, die Strukturen der deutschen Sprache zu verstehen und das Gelernte zunehmend sicher selbst anzuwenden.
Danach beginnt die entscheidende Phase: Das neu gewonnene Wissen darf sich festigen, es darf verinnerlicht werden. Dafür bekommen die Familien den 4-wöchigen „Durchstarterplan“ mit abwechslungsreichem Trainingsmaterial für kurze Mikroeinheiten von etwa 10 Minuten täglich. So bleibt das Üben überschaubar und lässt sich gut in den Alltag integrieren, ganz ohne Druck und ohne stundenlanges Pauken.
4. Viele Eltern erleben, dass ihr Kind trotz großen Übens nur langsam Fortschritte macht. Welche Ursachen beobachtest du in deiner täglichen Arbeit?
Die meisten Eltern geben sich unglaublich viel Mühe und üben regelmäßig mit ihrem Kind. Wenn trotzdem kaum Fortschritte entstehen, liegt das meist nicht an fehlendem Fleiß. Kinder, die in der Regelschule nicht richtig lesen und schreiben lernen, verstehen die herkömmlichen Erklärungen meist nicht. Sie üben im „Blindflug“ und man hofft, dass sie es irgendwann kapieren.
Was diese Kinder brauchen, ist deshalb nicht einfach mehr vom Gleichen, sondern ein ANDERS, einen anderen Zugang und einen Lernweg, der für sie verständlich und logisch ist. Erst wenn sie Zusammenhänge wirklich begreifen, kann aus kontinuierlichem Üben auch nachhaltiges und effektives Lernen werden.
5. Was unterscheidet deinen Förderansatz von klassischen Nachhilfe- oder Förderangeboten?
In der klassischen Nachhilfe wird meist einmal pro Woche der aktuelle Schulstoff bearbeitet. Für Kinder mit LRS liegt das Problem jedoch häufig tiefer: Ihnen fehlen grundlegende Bausteine, auf denen alles Weitere aufbauen kann. Mehr vom aktuellen Schulstoff hilft dann nur bedingt.
Mein Intensivkurs setzt in sieben aufeinanderfolgenden Tagen deshalb an den Grundlagen an. In der geschützten Atmosphäre eines Einzelkurses oder einer Kleingruppe mit maximal drei Kindern kann ich jedes Kind individuell dort abholen, wo es momentan steht. Das Gelernte wird jeden Tag aufgegriffen, gefestigt und direkt weitergeführt. So entstehen keine langen Pausen, in denen Unsicherheit und Vergessen wieder Raum bekommen.
6. Welche Veränderungen erlebst du bei den Kindern, wenn sie wieder Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten entwickeln?
Das sind für mich die schönsten Momente. Natürlich freue ich mich über bessere Lese- und Rechtschreibleistungen. Noch mehr berührt mich aber, wenn Kinder wieder an sich glauben. Sie melden sich im Unterricht, trauen sich beispielsweise laut vorzulesen und gehen mit Zuversicht an neue Herausforderungen heran. Auch zu Hause wird das Üben entspannter, denn es steht nicht mehr die Angst vor Fehlern im Mittelpunkt, sondern die Freude über das, was bereits gelingt.
7. Welche Rolle spielen Eltern während der Förderung und wie können sie ihr Kind im Alltag sinnvoll unterstützen?
Am wichtigsten ist es, dass Eltern ihrem Kind das Gefühl geben: „Ich glaube an dich.“ Während der Förderung dürfen sie sich mit Fragen zurückhalten, um keinen Leistungsdruck zu erzeugen. Sie sollen vielmehr ihrem Sprössling signalisieren, dass sie es großartig finden, wie mutig er täglich zum Intensivkurs geht und damit ein eigenes Problem angeht,
um es zu meistern. Dieses Vertrauen ermutigt und beflügelt. Auch nach dem Intensivkurs sind Gespräche auf Augenhöhe zielführend für ein gesteigertes Selbstvertrauen.
8. Welche Erfahrungen hast du in der Zusammenarbeit mit Schulen und Lehrkräften gemacht? Was wünschst du dir für den Umgang mit betroffenen Kindern?
Meine Erfahrungen mit Schulen und Lehrkräften sind unterschiedlich. Manchmal wird auf die Neutralität der Schule hingewiesen und jegliche Unterstützung blockiert. Doch immer öfter erlebe ich auch offene und engagierte Lehrkräfte, die sich für meinen Kurs und die daraus resultierenden Ergebnisse interessieren.
Wünschenswert ist es für mich, dass sie im Gespräch mit betroffenen Eltern neben herkömmlichen Lösungsansätzen auch als weitere Möglichkeit meinen Intensivkurs erwähnen. Eltern lernen so verschiedene Fördermöglichkeiten kennen und können dann selbst entscheiden, welcher Weg zu ihrem Familienalltag und zu ihrem Kind passt.
Am Ende verfolgen wir alle dasselbe Ziel: Kindern die Chance zu geben, ihr Potenzial zu entfalten. Daher wünsche ich den betroffenen Kindern, dass sie mit ihren wundervollen Fähigkeiten und Talente hinter ihrer Lese-Rechtsschreib-Schwäche gesehen und wertgeschätzt werden.
9. Gibt es eine Erfolgsgeschichte oder ein Erlebnis aus deiner Arbeit, das dir besonders in Erinnerung geblieben ist?
Besonders berührt hat mich ein neunjähriger Junge, dessen Eltern sich kurz vor dem Kurs getrennt hatten. Er war emotional sehr belastet, konnte sich kaum konzentrieren und ich war unsicher, wie viel er in dieser schwierigen Zeit überhaupt aufnehmen würde. Umso beeindruckender war, was in diesen sieben Tagen möglich wurde. Trotz seiner seelischen Belastung konnte er die wesentlichen Inhalte verstehen und verinnerlichen. Am Tag nach dem Intensivkurs schrieb er eine Deutscharbeit nach und konnte das Gelernte tatsächlich selbstständig anwenden. Er bekam zum ersten Mal in seiner Schullaufbahn eine Zwei im Fach Deutsch. Mir hat das gezeigt, wie einprägsam und einfach diese Methode für Legastheniker ist, so dass sie auch in extremen Belastungen erfolgreich anwendbar ist.
10. Zum Abschluss: Welche Botschaft möchtest du Eltern mitgeben, deren Kind gerade mit Legasthenie oder LRS kämpft?
Niemand ist schuld an einer Lese-Rechtschreib-Schwäche. Sie entsteht nicht, weil Eltern etwas versäumt haben oder ihr Kind sich nicht genug bemüht hat. Sie ist einfach da. Das betroffene Kind ist weder faul noch dumm.
Manche Kinder lernen einfach anders. Mit der passenden Unterstützung kann sich unglaublich viel verändern. Nicht nur beim Lesen und Schreiben. Ein Kind, das merkt, ich verstehe es, ich kann es und ich bin gar nicht dumm, gewinnt etwas zurück, das viel größer und wichtiger ist als eine bessere Rechtschreibung, nämlich sein Vertrauen in sich selbst.
Mehr erfahren & Kontakt
Barbara Martin Zertifizierte LRS Deutschland Trainerin
www.aufbluehen.de
Vielen lieben Dank!



